[>>]
picture taken by aimee blaskovic
Weblog von Julia Petschinka

 
Wie hier schon erwähnt, war ich heute mit Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek unterwegs. Ich war als unabhängige Bloggerin eingeladen, sie bei ihrer Tour durch Salzburg zu begleiten (Salzburg deshalb, weil es mit meinem Terminkalender grad gut gepasst hat... so einfach, so banal).

Mein heutiger Tag stand für mich aber weniger unter dem Motto "unterwegs mit", sondern vielmehr: "unterwegs ZU...". Denn bevor ich mitten in einen Betriebsbesuch platzen konnte, war ich laaange unterwegs mit der ÖBB. Und mittendrinnen hab ich mich gefragt: heißt ÖBB vielleicht "Österreichischer Budhismus-Bund?". Nachdem nämlich der Rail-Jet (wohl eher ein Fail-Jet heute) stehen blieb, kam die Durchsage: "wir bitten um Entschuldigung, es kommt zu einem Aufenthalt von 30 Minuten bis zu 2 Stunden". Und dann gibt es ja sofort viele Gerüchte, was da passiert sein könnte. Irgendwann stand "Entgleisung" im Abteil... aber das konnte wohl nicht sein, so ruhig und gerade, wie wir da auf den Gleisen standen. Dann im Schneckentempo weiterrollen und einem SchildbürgerInnenstreich aufsitzen: Während wir nämlich vom Schienenersatzverkehrsbus zu einem anderen Bahnhof gefahren werden, sehen wir, wie unser Rail-Jet schnell und pumperlgesund durch ebendiesen flitzt. Macht ja nix, Geduld und Gelassenheit üben steht an der Tagesordnung. Einatmen - Ausatmen.

Gut, also habe ich den ersten Tagesordnungspunkt verpasst - eine Medienaktion auf einem Salzburger Platz. Hätte mich interessiert, was diese "Aktion in öffentlichem Raum" aus Sicht der Politik bedeutet. Nachdem ich in letzter Zeit so viele Aktionen im öffentlichem Raum aus Sicht von Tanz und Improvisation mitgemacht habe. Gut, eben diesmal nicht.

In den zweiten Tagesordnungspunkt platze ich hinein, weil ich auch dafür eigentlich zu spät dran bin. Mit dem Taxi zur Firma Wiberg. Frau Ministerin Heinisch-Hosek besucht im Rahmen ihrer Bundesländertour (ha, fast hätte ich BundesländerInnen-Tour geschrieben. Genderautomatismus!) Unternehmen und diskutiert die Initiative www.lohngerechtigkeit.at. Exakt NACH dieser Diskussion stolpere ich mit meiner knallrosa Weste in den Raum mit dem großen Tisch, um den Geschäftsführer der Firma Wiberg, Landeshauptfrau Burgstaller, Ministerin Heinisch-Hosek und MitarbeiterInnen sitzen. Ein einziger Platz ist frei - der Vorsitz am Tisch. "Oh, der Vorsitz - na gut.". "ähm, gehören Sie zu uns?". Und so geht das ein paar peinliche Minütchen weiter, bis sich alle wieder beruhigen. So, dann bin ich also auch wiedermal typisch aufgetreten ;-)
Die Diskussion geht etwas holprig weiter und der Besuch ist ein typischer Betriebsbesuch. Ich bin als Bloggerin vorgestellt und habe keinen Laptop mit. Und ich muss gestehen: ich weiß zunächst auch nicht so recht, was es bedeutet, als Bloggerin mitzukommen. Denn: das ist kein Parteitag mit JournalistInnen-Tisch und BloggerInnen-Tisch, keine öffentliche Veranstaltung... Also schreibe ich in mein Notizbuch (old school mit Füllfeder auf Papier) die Themen der Diskussion (Karenzierungsmodell, Familienfreundlichkeit des Unternehmens - Urlaubshaus in Südfrankreich! -, Betriebsrat???, Gastrosophie,...). Wurde von mir erwartet, dass ich die ganze Zeit live blogge? Ich hoffe nicht. Ich hätte das nicht gewollt, und ich stelle mir vor: das wäre im Rahmen so eines Besuchs auch wirklich extrem irritierend gewesen. Denn so ein Betriebsbesuch ist doch auch etwas intimes. Keine JournalistInnen sind anwesend. Ich habe den Eindruck, Themen werden einerseits direkt angesprochen, aber dann auch wieder nicht konsequent weiterdiskutiert. Es bleibt wahnsinnig oberflächlich und glatt, Kritik wäre an mehreren Stellen möglich gewesen, wurde aber von niemandem angesprochen. Aber bei solchen Betriebsbesuchen geht es wohl nicht um Kritik sondern um Anwesenheit und Diskussionsmöglichkeit. Was dann auch immer daraus gemacht wird. Und in diesem Fall auch: um ein direktes Ansprechen der Vorhaben gegen die Lohnungerechtigkeit von Frauen und Männern. Denn jaja, natürlich ist theoretisch das alles eine Frechheit, dass Frauen für gleiche Arbeit noch immer weniger verdienen - aber wenn es konkret wird, dann ... ähm...

Den Weg zur Station Nummer Drei lege ich mit der Frau Ministerin gemeinsam in ihrem Auto zurück. Das ist bequem und sehr nett. Ich bekomme jetzt die Gelegenheit, mich etwas ruhiger vorzustellen und auch über meine persönlichen Erfahrungen mit Gehaltsverhandlungen zu sprechen, und so Dinge, die man notgedrungen in einem männlich dominierten Arbeitsumfeld erlebt...

Dann die dritte Station - angekommen im echten Leben: der Verein V.I.E.L.E, ein gemeinnütziger Verein für Frauenanliegen, der ein interkulturelles Frauenzentrum und eine Familienberatungsstelle führt. Wir werden von vielen Beraterinnen und Lehrerinnen und Teilnehmerinnen empfangen, sitzen um einen riesigen Tisch. Reihum stellen sich alle vor. Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus der Türkei, aus Afrika, die teilweise schon sehr lange in Österreich sind oder erst angekommen sind. Im Verein finden sie ein Netzwerk und Deutschkurse. Und Beratung. Und Hilfe. Sie erzählen von ihrer Lebens- und Arbeitssituation, was ihnen Mut macht und was ihnen Mut nimmt. Sie fragen: "Frau Ministerin, gibt es eigentlich auch Untersuchungen über die doppelte Diskriminierung - also, warum Frauen mit Migrationshintergrund noch weniger verdienen als österreichische Frauen?" und über diesen seltsamen Teil der österreichischen Mentalität, dass man über Geld nicht spricht. Dann noch über Vorbilder, die so dringend notwendig sind. Wie etwa Waris Dirie. Es sind Frauen, die sich in Österreich integrieren wollen und alles daran setzen, dennoch auf so viele Hürden stoßen, auf so viele Ungerechtigkeiten. Und nicht aufgeben. Es sind so starke Frauen und ich bin sehr froh, dass ich mit dabei sein kann, dass ich diesen kleinen Einblich bekomme. An einem Tisch mit so vielen Frauen zu sitzen, die ihr Leben in die Hand nehmen, die anderen helfen, die gegen Ungerechtigkeiten kämpfen wollen und werden, die tun und leben wollen - das ist ein gutes Gefühl.
Helmuth (Gast) meinte am 6. Okt, 09:56:
und wie ist es so im Zug ;-)

Du wegen V.I.E.L.E wie ist die Ministerin in so einer Situation 
jupe antwortete am 9. Okt, 09:22:
bei VIELE wars eine wechselseitige Inspiration, glaube ich. Denn einerseits haben die Betreuerinnen, Beraterinnen und Teilnehmerinnen von VIELE gesagt, dass sie durch den Ministerinbesuch bestärkt und ermutigt wurden in ihrer Arbeit. Durch den Ministerinbesuch gab es ja auch eine gewisse Anerkennung und ein Bemerken von dem, was bei VIELE passiert, das ist total wichtig. Andererseits hat auch die Frau Ministerin gemeint, dass sie von solchen Besuchen auch stark profitiere. Sie erfährt direkt Geschichten aus dem Leben, ist in Kontakt mit Menschen, die Probleme lösen (wollen und müssen) und das tue ihr sehr gut, meinte sie. 
 

cc

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma