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Weblog von Julia Petschinka

 
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Quicklink: BELEN MAYA IN WIEN JUNI 2012

Alle Wiener Flamencotermine für 2012
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flamenco

Mein Gräusch- und Tupfentagebuch "Lunares" habe ich fürs Festival "Flamenco Empírico" in Barcelona eingereicht, das Ende Mai stattfinden wird. Und: es wurde angenommen! Das heißt, ich werde dort sein, um wieder ein Stück von mir herzuzeigen. Ich freue mich sehr!!!

Da das Video einen besonderen Zeitverlauf zeigt, arbeite ich gerade daran, wie ich die Idee und Ästhetik in Bewegungen übersetzen kann. Dabei hilft mir nicht nur das Video selbst, sondern auch Fotos und Schnappschüsse, die ich sammle oder geschickt bekomme (danke!).
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Das Bild von The Velvet Underground stammt aus dem Programmheft zu "50 Jahre Viennale"<\a>; am 16. Juni findet eine "The Velvet Underground Tribute Night" im ORF RadioKulturhaus statt - ich finde nicht nur das Bild grandios, sondern auch den Titel: "I'll be your mirror". Passt ideal zu meinem Projekt. Vor allem auch im Zusammenhang mit dem anderen Bild-Text: "Du bist der Ursprung".
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Bald ist wieder Flamenco-Avantgarde-Festival-Zeit in Barcelona. Das Festival Flamenco Empirico findet auch diesen Mai wieder statt, insgesamt schon zum 4. Mal. Ich werde wieder mit dabei sein und wenn zwischen den ganzen Aktivitäten noch Zeit bleibt, werde ich auch wieder "semi-live" davon berichten.
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Einen Vorgeschmack auf eines der Konzerte kann ich aber jetzt schon liefern: Juan Carlos Lérida wird im Rahmen des Festivals sein Stück "el aprendizaje" zeigen, ein Stück, das meiner Meinung nach wieder die Grenzen des Flamenco ganz schön erweitert und ausdehnt. Ich habe die Premiere im Oktober 2011 gesehen und darüber in der anda (Nr. 100) berichtet.

Hier ist mein Text:

Juan Carlos Lérida in „El Aprendizaje“, 29.10.2011, Theater L´Estruch, Sabadell (Spanien).

Erneut hat der zeitgenössische Flamencotänzer Juan Carlos Lérida eine Vorreiterrolle im Flamenco eingenommen, diesmal gemeinsam mit dem Musiker Sila und dem Regisseur Roberto Romei. In „El Aprendizaje“, basierend auf dem gleichnamigen Stück des Dramatikers J. L. Lagarce, interpretiert Lérida einen Menschen, der im Krankenhaus aufwacht und sich neu finden muss. Er wird von außen beobachtet und durchleuchtet, innen umgeben ihn viele Fragezeichen und der Drang, wieder leben zu wollen. Wenn von irgendwo schwache Erinnerungen an Bewegungen durch den Körper fahren, dieser aber gerade dabei ist, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Was sind das für Bewegungen eines Flamencotänzers, der sich zwar kaum bewegen kann, aber nicht anders kann, als sich zu bewegen? Woran erinnert sich ein vom Flamenco geprägter Körper und wie findet er zurück in seine Form, oder findet er eine neue?
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Kongenial wird Lérida dabei von Sila unterstützt
, der im Stück nicht nur elektronische Musiker macht, sondern auch die zweite Person darstellt: den Freund, der zusieht, wie einer aufwacht und sucht. Als Musiker arbeitet Sila mit Sequenzen aus dem Flamencogenre, mit Klängen und Geräuschen. Auf der Bühne mischt er alles live zusammen, damit das Flamenco-charakteristische Wechselspiel zwischen Tanz und Musik entsteht.


Lérida beginnt barfüßig taumelnd
, als wäre er gerade aufgewacht. Wir sehen in sein Inneres, die Unsicherheit ist das einzige, was in diesem Moment definierbar ist. Er wirbelt und bleibt abrupt stehen. Der Fokus, das Licht und die Stimmung ändern sich komplett. Aus der bewegten Gefühlswelt ausgestiegen befinden wir uns nun im Krankenhaus, wo der Körper still gehalten und vermessen wird und wo nur ganz zaghaft Leben durch die Geräte flackert. Langsam durchbrechen die beiden Freunde die Sterilität des Krankenhauses und beginnen eine energetisierende Konversation zwischen Musik und Tanzperkussion. In diesem Enthusiasmus zieht sich Lérida seine Flamencoschuhe an und man denkt: jetzt! Aber Lérida bleibt konsequent in seiner Rolle und fällt zu Boden, kann sich nicht auf den Beinen halten - und tanzt seine Soleá liegend. Für die Zapateados will er aufstehen und torkelt völlig aus dem früheren Gleichgewicht gebracht in etwas hinein, das neu ist – für ihn und für das Publikum. Bis zu diesem Moment war Léridas Charakter hauptsächlich mit sich selbst und dem Finden seines Körpers beschäftigt, nun öffnet er seine Welt für seinen Begleiter Sila.

Lérida bewegt Sila, sie berühren einander zum ersten Mal. Stück für Stück baut er Bewegungen auf, bis Sila letztendlich in einer klassischen Flamencopose stehen gelassen wird – ein sehr antikes Bild und ein Stillstand, bevor Lérida die Zapateados fortsetzt. Die Stimmung schwankt in diesem Moment zwischen Hoffnung und Resignation. Wir sind irgendwo zwischen der Kälte des Krankenhauses und dem Wirbel der Emotionen und werden als Publikum alleine gelassen, denn Lérida geht. Er kommt zurück als Sila ein Lied des Sängers Bambino auflegt, zu dem Lérida ausgelassen tanzt. Erstmals lacht er. Er lädt Sila ein, ihm zu folgen und singt eine Alegría, die sie gemeinsam tanzen bis Sila am Ende geht. Lérida steht alleine auf der Bühne, ganz vorne und beginnt ein neues Kapitel. (von Julia Petschinka)

Wie hier versprochen: so ist der Stand meines Projekts. Es ist ein Geräusch- und Tupfentagebuch geworden, das ich zum diesjährigen Festival Flamenco Empirico in Barcelona eingereicht habe.


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Mit großer Freude kann ich jetzt alle Details über den Besuch der spanischen Flamencotänzerin Belén Maya in Wien weitergeben:

Sie wird vom 6.-10. Juni 2012 in Wien sein und sowohl ihr neuestes Stück Habitaciones herzeigen, als auch wieder Kurse für Flamencotanz anbieten.
Auftritt: 6.+7. Juni im Interkulttheater Wien
Workshop: 7.-10. Juni in Margit Manhardt Studios für künstlerischen Tanz

Kommt, habt Freude daran und genießt diese großartige Künstlerin!
Workshop für Flamencotanz mit Belen Maya in Wien 2012
Foto: Anton Varonkov
Belén Maya ist eine der wichtigsten und innovativsten Flamencotänzerinnen der Gegenwart. Weltweite Aufmerksamkeit erregte sie bereits 1995 im Film "Flamenco" von Carlos Saura - ein Meilensteil für den weiblichen Flamencotanz. Sie verblüfft immer wieder mit ihrem avantgardistischen Stil und schöpft im gleichen Atemzug voll aus der Tradition, in der sie als Tochter zweier Flamencolegenden (Carmen Mora und Mario Maya) ebenso zu Hause ist.

DIE WORKSHOP-DETAILS (für die Details zur Aufführung bitte nach unten scrollen):

Zeit: 7.-10. Juni 2012
Ort: Margit Manhardt Studios für künstlerischen Tanz, Neubaugasse 38, 1070 Wien

Kurs A: Technik und Choreographie - Bulerías (für AnfängerInnen mit Vorkenntnissen und Mittelstufe), 105€
Kurs B: Technik und Choreographie für den Tanz mit der Bata de Cola (Schleppenkleid) - Alegrías (für TänzerInnen der Mittelstufe und Fortgeschrittene), 125€
Kurs C: Technik und Choreographie - Tientos (für gute Mittelstufe und Fortgeschrittene), 125€

Kurszeiten:

Do, 7. Juni
Kurs B: 14:00-15:30
Kurs C: 15:30-17:00
(Auftritt mit Habitaciones um 20:00)

Fr, 8. Juni
Kurs A: 16:30-18:00
Kurs B: 18:15-19:45
Kurs C: 20:00-21:30

Sa, 9. Juni und So, 10. Juni
Kurs A: 15:30-17:00
Kurs B: 17:15-18:45
Kurs C: 19:00-20:30

Anmeldung: bei Julia Petschinka per Email (julia . petschinka (at) gmx . at). Die Anmeldung gilt als verbindlich. Bei Rücktritt seitens der Teilnehmenden vor dem 25. Mai sind 30% des Kursbeitrags als Verwaltungsgebühr zu bezahlen - danach der volle Betrag (oder einE ErsatzteilnehmerIn zu nennen). Bei Absage seitens der Veranstalterin wird der bereits geleistete Betrag vollständig rückerstattet.

DIE DETAILS ZUM AUFTRITT "HABITACIONES"
6. und 7. Juni 2012, jeweils 20:00 im Interkulttheater Wien, Fillgradergasse 16, 1060 Wien.

Flamencotanz Auftritt von Belen Maya mit Habitaciones in Wien
Foto von Coté Araya
In "Habitaciones" führt uns Belén Maya durch ihre eigene Biografie - sie orientiert sich an dem, was über sie geschrieben wurde und daran, woran sie sich selbst erinnert. Sie hält inne, blickt zurück und nach vorne. Begleitet wird sie dabei vom Schauspieler David Montero. Beide bieten uns mit diesem intimen Stück die einzigartige Möglichkeit, sie aus nächster Nähe zu erleben.

Zeit: 6. und 7. Juni 2012, jeweils 20:00 (Dauer ca 60 Minuten ohne Pause)
Ort: Interkulttheater Wien, Fillgradergasse 16, 1060 Wien
Kartenpreise: 20€ (erm: 18€)
Kartenreservierung: unter Tel: +43 (01) 5870530 und www.interkulttheater.at

Das ist wirklich bei jedem Festival das gleiche, das ich als Bloggerin begleite. Irgendwann dreht sich nichts mehr um das Bloggen sondern um das unmittelbare Erleben - und ich hinke hinterher mit meinen Erzählungen. Das liegt auch daran, dass ich nicht nur von außen auf das Festival schaue und darüber schreibe, sondern auch von innen. Ich bin Workshopteilnehmerin und muss mich auch um mich und meinen Tanz kümmern. Ich bin Moderatorin und das braucht Zeit für Vor- und Nachbereitung. Und manchmal bin ich festivalmüde und sitze im Café und plaudere mit Freundinnen und Freunden. All das sind wichtige Teile eines Festivals und essenziell für ein vielseitiges Erlebnis. Das zu vereinen geht im Tanzhaus in Düsseldorf ausgesprochen gut. Es ist alles in einem Haus und das ist sehr bequem...
Manchmal dauern die Geschichten dann länger. Wie jetzt. Ich berichte mittlerweile aus einer anderen Stadt. Die Erinnerungen sind noch lebendig, das ist gut.

Am Sonntag gab es eine Kurs-Umstellung. Die meisten Workshops während des Festivals dauern 2 Tage, also war der erste Block (Fr/Sa) zu ende und der zweite hat begonnen (So/Mo). Das bringt wieder viele neue Leute ins Haus und viel Aufregung... viele Fragen. Nur der Workshop "Improvisation und Komposition im Flamencotanz" von Juan Carlos Lérida hat dieses Jahr 4 Tage gedauert - bei so einem Workshopthema ist das auch wichtig und gut. Auch in diesem Kurs gab es ab Sonntag eine wichtige Änderung: zum ersten Mal gab es Livemusik-Begleitung in diesem Kurs. Der Musiker Michio stürzte sich gemeinsam mit den 18 (!!!) TeilnehmerInnen in den Prozess der Improvisation und Komposition im Flamencotanz. Mit dabei hatte er seine Flamencogitarre, seine e-Gitarre, sein Musikarchiv mit Klängen, Tönen, Atmosphären und Rhythmen.

Ich finde die Livemusik-Begleitung gerade bei diesem Workshop extrem wichtig, um nicht in "irgendwelchen Sphären" während der Improvisation zu landen, sondern im Flamenco zu bleibem. Und für Flamenco ist Livemusik meiner Meinung nach ein wesentlicher Teil. Auch wegen der Dynamik und Unmittelbarkeit. Es war mit Michio und Juan Carlos Lérida eine aus meiner Sicht wirklich gute und fruchtbare Kombination!

Abends gings mit einiger Aufregung für mich weiter. Olga Pericet zeigte zum zweiten Mal ihr Stück "de una pieza". Am Vorabend habe ich mit Freundinnen und Freunden gesprochen, die sich die erste Aufführung angesehen haben. Sie waren nicht begeistert, fanden es zu distanziert, zu glatt... es waren ähnliche Gespräche wie nach dem Stück "Transito" von Marco Flores. Ich habe mich gefragt: bin ich trotz dieser Vorgespräche stark genug, meine eigene Meinung zu behalten? Und es hat sich herausgestellt: ja, in diesem Fall schon. Denn... ich wurde berührt.
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Begonnen hat das Stück mit einer Sessel-Rochade, die als wiederkehrendes Element eingesetzt wurde. Die habe ich nicht "verstanden" oder annehmen können. Das war mir an diesem Abend aber egal. Für mich standen die beiden tanzenden Künstler_innen im Mittelpunkt: Olga Pericet und Juan Amaya. Olga Pericet zeigte drei Choreografien aus früheren Produktionen, die ihr besonders am Herzen liegen: den Fandangos mit Bata de Cola aus "Bailes alegres para personas tristes", eine Seguiriya aus einer Produktion mit "Chanta la Mui" und die Cantinyas aus ihrem aktuellen Programm "Rosa, Metal, Ceniza".



Mich hat die Seguiriya stark berührt, sie hat mich erreicht und ich habe mich darauf eingelassen. Es war ein guter Moment.

Juan Amaya ist ein verblüffender, überraschender Flamencotänzer. Ich war mir anfangs nicht ganz sicher, ob er einer Rolle tanzt, einen speziellen Charakter darstellen will, oder ob das sein Stil ist. Im Laufe des Abends stellte sich heraus: sein Stil ist so eigenwillig. Er wirkte zeitweise sehr feminin auf mich - nur um dann mit dem nächsten Schritt wieder so eine vulkanartige, maskuline Energie zu erzeugen. Im anschließenden Publikumsgespräch (noch so eine Aufregung für mich, da ich die Moderation und Übersetzung übernommen habe) erzählte Olga Pericet, dass sie in ihm so eine ursprüngliche, direkte Art Flamenco zu tanzen sieht und genau das wollte sie in ihrem Programm haben. Ich fand auch, dass beide fast gegensätzlich waren. Sie haben nicht zusammen gepasst aber waren eine gute Ergänzung.

Am nachsten Tag zum Abschluß kam Leonor Leal mit "eLe, eLe"... darüber muss ich noch nachdenken und Worte finden. Das kommt später.

Gestern war viel los beim Flamencofestival hier in Düsseldorf. Zack, zack, zack - eines nach dem anderen mit kaum Pause dazwischen. Zunächst wieder Workshops, wie hier eben die Tage beginnen. Danach gabs etwas, was es (glaube ich) hier beim Festival noch gar nicht gab: eine Filmvorführung. Und zwar im kleinen Saal. Wurde der kleine Saal des Tanzhauses überhaupt schon mal für das Flamencofestival geöffnet? Er ist perfekt, finde ich. Da denke ich gleich an kleine Performances zwischendurch, an OFF-Stücke, an "pre-showings", ach, da gibts viel und ich bin mir sicher, dass das Festival in alle möglichen Richtungen wachsen wird.
Gestern gab es also einen Film - "el cante bueno duele" von Martijn van Beenen and Ernestina van de Noort, die gestern auch anwesend war. Sie ist die Direktorin der Flamencobienal in Holland.
Der Film....


hm... der Film....
Es ist ein Dokumentarfilm über den Gitarristen Moraito Chico und seine Welt, seine Familie, seinen Flamenco. Ein für mich typischer Flamencofilm, man sieht die Familie, die Alten sprechen. Man sieht Szenen aus dem Leben, eine Fiesta in der Bar, Konzertauschnitte. Bei der Vorführung gestern haben die Untertitel wegen eines technischen Fehlers nicht funktioniert und ich glaube, das war garnicht schlecht. Muss man jedes Wort verstehen? Ich glaube nicht. Zeitweise konnte ich mich dadurch auf ganz andere Dinge konzentrieren, die Rituale, die Gesichter, die Umgebung.

Der Film hat wieder ganz grundlegende Fragen in mir ausgelöst: wie ist das mit dem Schmerz im Flamenco? Muss "guter Gesang" schmerzen? Auch wenn viele Stile womöglich aus der schmerzhaften Geschichte schöpfen: muss das immer wiederholt werden oder gibt es einen Ausweg? Kann guter Gesang Freude machen? Oder berührt er dann nicht mehr so unmittelbar wie der schmerzende Gesang, wie die schmerzende Kunst?
Ich bin davon überzeugt, dass Kunst, die aus Freude und Liebe schöpft ebenfalls berührt, sehr sogar... sicher auf einer anderen Ebene.
Und wieder die Grundfrage in der Kunst: kann man als glücklicher Mensch "gute Kunst" machen? Oder muss man leiden, sich winden, um künstlerisch wertvoll arbeiten zu können. Ich glaube das nicht. Es ist nicht mein Ziel.

Aber wie ist das im Flamenco, der ja auch sooft mit Katharsis zu tun haben soll - mit dem kollektiven Schmerz und dessen Auflösung? Da haben wir es: die Auflösung des Schmerzes - es muss etwas danach geben. Ich will, dass es etwas danach gibt.

Und kann sich jemals in einer Kultur etwas ändern, vielleicht ein Gefüge, eine Konstellation, eine Dynamik, wenn so sehr an altem, schmerzvollem festgehalten wird? Oder muss daran festgehalten werden, weil... ja, was dann?

Schon wieder so viele Fragen. Hat wer Antworten? Oder finde ich die in mir selbst? Findet die jede und jeder in sich selbst?

Der erste Festivaltag im Tanzhaus NRWist immer besonders aufregend. Die Kurse haben begonnen, auf den Gängen ist Gedränge und die Leute schauen neugierig durch die kleinen Fenster in die Tanzsäle. Und ich bin immer wieder nervös vor den Workshops. Das ändert sich wohl nicht, egal wie viele ich davon besuche. Es ist dieses Flirren im Körper, dieses nicht-genau-wissen und doch irgendwie ahnen und die Vorfreude darüber, endlich wieder in einem Workshp zu stehen. Zu lernen.

Die Tagesabläufe sind immer gleich: untertags Workshops und selbst tanzen. Danach eine kurze Pause zum Essen und Runterkommen. Und dann gibts eine Vorstellung. Und was für eine das gestern war!!!

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Foto von hier
Belén Cabanes präsentierte gemeinsam mit der Pianistin Marina Rodríguez ihr neues Programm: "Pájaros de marfil" (Vögel aus Elfenbein). Gewidmet haben die beiden Frauen das Programm dem Kastagnettenvirtuosen und Tänzer José de Udaéta - dieser war nicht einfach nur wichtig im Leben von Belén Cabanes, sondern hat ihr auch Kastagnetten aus Elfenbein geschenkt, die sie zum neuen Stück inspiriert haben. Diese kleinen, weißen Kastagnetten klingen hell, zart und klar - vielleicht so wie die Flügelschläge eines Vogels auf Reisen... Davon ausgehend zeigt Belén Cabanes unterschiedliche Varianten von Vögel; freche, traurige, freie, eingesperrte... Hühner, Paradiesvögel, Pfaue... zur Musik von unter anderem Albéniz, Soler, Malats...

Abgesehen von unglaublich beeindruckenden Kastagnetten-Kompositionen, die großteils von Belén Cabanes selbst stammten, war der Abend magisch wegen der Inszenierung, der Bewegungen, dem Zusammenspiel der beiden Frauen. Sie haben nicht einfach nur Musik gemacht, sie haben Musik gespielt und getanzt und dadurch ein farbenfrohes Universum entstehen lassen, in das ich mich gerne hineinverführen ließ. Es war zart, es war forsch, es war intim und es war auch komödiantisch ohne jemals diese Schönheit zu verlieren, die Belén Cabanes ausstrahlt.



Sie ist mit ihrer Darstellung viele Risken eingegangen, hat weit aus dem Flamencobewegungs-Universum herausgetanzt (muss sie dort drinnen überhaupt tanzen, wenn sie klassische Spanische Musik spielt?) ... oder vielleicht: sie hat einfach wieder das Flamencotanz-Universum um ein gutes Stück erweitert. Nicht nur durch ihre Bewegungen, sondern auch durch die Kombination aus Bewegung und Kastagnettenspiel - und Fächer und Federboa. Wow! Und sie hat Bewegungen gezeigt, die nicht nur schön und sicher waren... bewundernswert. Und alle waren begeistert. Es ist befreiend, während einer Flamencoaufführung gemeinsam mit den Künstlern lachen zu können.

Bildschirmfoto-2012-01-20-um-12-54-07 Da bin ich also wieder! Es ist Festivalzeit im Tanzhaus NRW in Düsseldorf. Und ich muss sagen: es nützt sich nicht ab - obwohl ich schon sooft hier war. Das Haus ist für mich ideal für ein Festival (das sage ich wohl jedes Jahr, oder?) - die Kursräume, Cafeteria und der große Saal mit den vielen Superstars... alles in einem Haus. Man trifft sich, plaudert oder schaut verstohlen an den Nebentisch. Es ist eine immer noch aufregende Routine, die sich mittlerweile eingestellt hat. Und Abends drängen sich die meisten um den Stand der anda um Neues oder Altes, längst vergessen geglaubtes, aus der Flamencowelt zu kaufen bevor die Abendveranstaltung los geht. Hier noch schnell "hallo" sagen, kurz über die Reihen zuwinken... wir kennen uns flüchtig von den Workshops... schön. Dann geht das Licht aus und die Grande Dame des Düsseldorfer Flamencofestivals, Dorothee Schackow, kommt auf die Bühne um das Programm vorzustellen.

Gestern war es Marco Flores mit seinem neuesten Programm "Tránsito", den sie ankündigte und der sie kaum ausreden ließ, so drängend stürmte er auf die Bühne. Da war er.


Tránsito ist sein erstes Programm, für das er ganz alleine verantwortlich zeichnet. Produktion, Choreografien... alles von ihm. Und das Stück dreht sich auch um den Übergang vom Künstler in einem Kollektiv zum Solokünstler (wobei ich mir dachte: Was heißt in diesem Zusammenhang "Solo"? Wann ist ein Solo ein Solo? Mit ihm auf der Bühne, um ihn herum, waren Ana Romero als Palmera, Jesús Corbacho als Sänger und Jesús Nunez als Gitarrist).

Begonnen hat Marco Flores mit einem Zitat aus dem Stück "Chanta la Mui", das er mit Olga Pericet und Daniel Dona 2009 in Düsseldorf zeigte. Ich kann mich genau an das Gefühl erinnern, als ich dieses Stück zum ersten Mal gesehen habe. Es war eines dieser Stücke, die mir die Flamencoaugen noch weiter geöffnet haben. Die drei waren so perfekt, so neu. Die Musik kam vom Band und war ein Mixtape aus Straßengeräuschen, Klängen, Sprachen, Liedern. Es war aufregend und "fresh" und poetisch und trotz all dem weit weg. Die Distanz war riesig.




Marco Flores beginnt also mit einem Zitat aus diesem Stück und sofort kann ich die Distanz wieder spüren, für mich ist er weit weg - oder ich bin weit weg. Beobachte, ohne jemals eine Verbindung spüren zu können, ohne mich jemals angesprochen zu fühlen. Er hat sich verändert - und das ist eine faszinierende Beobachtung. Sein Körper scheint durch und durch von Ballett geprägt zu sein. Er macht Pirouetten, springt und schwebt wie eine Feder. Die Linien, die er mit seinem Körper zeichnet sind klar und gestochen scharf. Perfekt vielleicht. Genauso wie seine Zapateados - die Füsse sind unglaublich schnell, präzise, virtuos. Er wirkt leichtfüssig, manchmal erinnert er mich an einen Steptänzer. Vielleicht Fred Astaire? Für mich ist diese Fußtechnik neu in der Flamencowelt und ich bin gespannt, ob etwas davon abfärben wird... Aus der Distanz lässt sich das ja alles hervorragend beobachten.

Nach der ersten Nummer kommen dann seine Companyeros auf die Bühne und sofort bin ich fasziniert vom Gitarristen. Von seinem mit- und einfühlsamen Spiel. Und auch von der Musikauswahl... die fand ich gestern wirklich außergewöhnlich und es war ein Genuß Cabales, Javeras, Fandangos del Albaicín, Zambras und Cantinyas zu hören.

Ein einziger Moment hat mich aus der Distanz geholt - als Marco Flores hinter der Palmera und dem Sänger tanzte. Eine völlig umgekehrte Ordnung war das auf der Bühne, die sofort eine neue Art von Spannung in den Raum gebracht hat. Auch das anschließende Spiel mit dem Schatten der drei Personen war für mich faszinierend.

Mich bringen Abende wie diese sehr zum Nachdenken und ich frage mich: was braucht es noch, dass ich mich angesprochen fühle, dass Emotionen ausgelöst werden? Die virtuose Technik, die klaren Linien... anscheinend ist es das nicht (alleine). Es ist faszinierend und tanztechnisch beeindruckend, das ohne Zweifel. Emotional blieb kaum was hängen. Und das ist es doch, was der Flamenco oft so gut kann, oder? Wieder so viele Fragen....

Es ist soweit - alle Infos über das diesjährige Festival für Avantgarde-Flamenco "flamenco empirico" sind online!
Ort: Barcelona, Mercat de les Flors
Zeit: 20.-26.5
Aufregung: hoch

Wieder hat Juan Carlos Lérida als Kurator des Festivals fungiert und ein vielseitiges Programm mit Tapeos (kurzen experimentellen Stücken), einem Workshop, Improvisationen, Konzerten, Ausstellungen,... zusammengestellt. Aber schaut selbst:
flamencoempirico2012
Bild von http://ciutatflamenco.com/es/programacion/flamenco-empirico/

Das Festival findet im Rahmen von Ciutat Flamenco statt (einem Flamencofestival, das früher Ciutat Vella hieß), diesmal wieder im Theater Mercat de les Flors.

Ich werde auch dieses Jahr wieder dorthin fahren, wo für mich der Flamenco am experimentellsten, risikoreichsten und vibrierendsten ist. Dieses Jahr werde ich gemeinsam mit Juan Carlos Lérida eine Ausstellung gestalten zum Thema "de estética flamenca" (über die Flamenco-Ästhetik) und ein Netzwerk an empirischen Flamencos vorschlagen. Das ist, wie immer, sehr aufregend.

Die vergangenen Jahre habe ich in meinem Blog viel über flamenco empirico berichtet - unter dem Suchbegriff "flamenco empirico" findet ihr hier im Blog alle Beiträge darüber....

Die Flamencoaktivistinnen und -aktivisten des Kollektivs flo6x8 demonstrieren öffentlich gegen den Kapitalismus - dabei verwenden sie das, was sie selbst beherrschen: den Flamenco. Sie gehen in Banken, tanzen, spielen, singen und filmen sich dabei - sie verblüffen mit ihren Kunstinterventionen im öffentlichen Raum... und verschwinden wieder.

Oliver Farke berichtet in der aktuellen Ausgabe der Flamencozeitschrift anda über das Kollektiv, das auch in diversen Social Media Kanälen ihre Spuren hinterlässt.
flo6x8
Bild von hier

Der Flamenco eignet sich perfekt für das Aufbegehren gegen "von oben" vorgegebene Systeme und Veränderung, gegen Unterdrückung und Ausgrenzung. Möglicher Weise ist er genau so entstanden. Als künstlerische Gegenantwort der so genannten Unterschicht zu einer gesellschaftlichen Entwicklung in Andalusien. Nichts anderes passiert heute, oder?

Hier findet man FLO6x8:
Website: flo6x8.com
Facebook: https://www.facebook.com/pages/Flo6x8/173462916028928
YouTube: http://www.youtube.com/user/flo6x8


 

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